Zweibrücken | 29. November 2016 | Autor: Eric Kolling

Wie einfache Bürger Hitler in die Knie zwingen wollten

Ein kleinbürgerliches Ehepaar leistet dem Hitlerregime mit Protestpostkarten Widerstand bis in den Tod hinein: Hans Falladas auf einer wahren Geschichte beruhende Erzählung „Jeder stirbt für sich allein“ gilt manchem als bestes Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde. Und das zu Recht.


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An große Widerständler erinnert man sich, kleine vergisst man. Was den Nationalsozialismus und Hitler angeht, hat jeder das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Gedächtnis. Dass auch Otto Normalbürger einen viel subtileren, wenngleich nicht weniger riskanten Widerstand führte, machte Hans Fallada im Jahre 1946 in „Jeder stirbt für sich allein“ deutlich. Es dauerte immerhin rund 60 Jahre, bis das binnen Monats verfasste Werk zum internationalen Publikumserfolg avancierte. Die hier vorliegende, gekürzte Lesung des RBB beruhte auf dem bis dahin unveröffentlichten Originalmanuskript.

Im Zentrum des auf einer wahren Geschichte beruhenden Romans steht die Hausgemeinschaft in der Jablonskistraße 55. Während die verschiedenen Figuren von der versteckten Jüdin bis zum Kleinkriminellen und der Briefträgerin eher am Rande eine Rolle spielen, geht es im Kern um den stoischen Tischlermeister Otto Quangel und seine Frau Anna. Als ihr Sohn im Krieg fällt, fasst der nach außen als ehrgeizige und sich bewusst dümmlich-naiv anstellende Quangel den Entschluss, sich dem Hitler-Regime entgegenzustellen. Zu dem Zweck schreibt er Anti-Führer-Botschaften auf Postkarten, die er in Hausfluren in Berlin ablegt. Anna steht ihm dabei zur Seite – beide hoffen, damit eine kleine Revolution auszulösen. Hunderte von Karten lang geht das gut, doch die Gestapo, allen voran der ermittelnde Kommissar Escherich kommen ihnen immer näher, bis sie sie schließlich ertappen. Doch damit beginnt das Martyrium der Quangels erst so richtig: Verhöre, Gefängnis, Gerichtsverhandlung, die Ungewissheit bis zum Tod. Und ob sie wollen oder nicht: Die Quangels reißen unter dem unbarmherzigen Druck der SS-Monster auch ihre Mitmenschen mit in den Untergang.

Die aktuell im Kino laufende (und inzwischen bereits fünfte) Verfilmung mit Emma Thompson als Anna Quangel, Brendan Gleeson als Otto Quangel und Daniel Brühl als Escherich enttäuscht ob ihrer weitgehend emotionslosen Inszenierung. Diese von Ulrich Noethen bedrückend stark gelesene Hörbuchfassung von Osterwold Audio hingegen glänzt gerade durch ihre einwandfreie Übertragung des 1940er Alltagsgrauens ins Heute. Sei es die ständige Bedrohung von den Mitmenschen gesehen und denunziert zu werden. Oder die, den Ermittlern in die Fänge zu geraten, unter dem barbarischen Psycho-Druck ihrer Verhöre (hier wird Anna Quangel so bedrückend in die Mangel genommen, dass einem beim Zuhören beinahe schlecht wird) einzuknicken. Nicht zuletzt das Grauen, im Gefängnis dem Treiben von Unmenschen gnadenlos ausgesetzt zu sein. Und vielleicht sogar am Ende den Moment zu verpassen, die letzte Freiheit eines Selbstmords zu nutzen. All das ist hier durchgehend so spannend, dass man nicht loslassen kann. Ein Werk, das man gehört haben muss!

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, 563 Minuten, gekürzte Lesung, Osterwold Audio, ISBN: 978-3-86952-145-9